(K)ein Abschied von Wilfrid Jaensch
Von Astrid Hellmundt aus: info3 - Anthroposophie im Dialog, Nr. 9 September 2008
Für Wilfrid Jaensch, Gründungsmitglied des seit 1989 bestehenden Berliner Waldorflehrer-Seminars und von Beginn an dort Dozent für die Unterrichtsfächer Anthroposophische Grundlagen, Schulungsweg und Allgemeine Menschenkunde, fand am 30. Juni 2008 die feierliche Verabschiedung in den Ruhestand statt.
Über hundert Menschen waren in die noch relativ neuen Räume des von Kreuzberg nach Berlin-Mitte umgezogenen Seminars gekommen, dennoch war es eine intime und fast familiäre Veranstaltung. Viele Gäste kannten sich, alle waren in verschiedener, aber immer recht enger Weise mit dem Abschiednehmenden verbunden: die Studenten der laufenden Kurse, die Ehemaligen, die Kollegen, der Vorstand, Menschen vom Waldorfkindergarten-Seminar im selben Hause, Waldorflehrer, Buchhändler, langjährige besondere Freunde von Nah und Fern.
Der über das Tätigkeitsfeld des Unterrichtens hinaus weit bekannte Autor und Vortragsredner hatte fast zwanzig Jahre lang im Herzen dieser Ausbildungsstätte gewirkt, sie geprägt und in unverwechselbarer Weise die Anthroposophie immer neuen Studierenden nahegebracht. Sein besonderer Unterrichtsstil, seine immer unmittelbar-persönliche Dialogführung, seine Gabe der Kritik ohne Verletzung, sein „geistiger Blick im Sozialen“, seine Kollegialität und Loyalität, seine auch in scheinbar geringen äußerlichen Dingen absolute Zuverlässigkeit … „Mensch Jaensch“ war auf dem Plakat für die Feier als Motto angegeben, und man hatte sich versammelt, um diesen Menschen einen Abend lang von außen betrachtend und beschreibend in den Mittelpunkt zu stellen, um ihm auf vielerlei Weise zu danken und zu schenken – mehr aber noch, um mit ihm zusammen aus seinem eigenen Innenraum heraus in die Welt und in das Licht einer geistigen Sonne zu blicken „wie aus einer Kapelle durch die bunt bemalten Fensterscheiben.“
Den halbstündigen zentralen Abschiedsvortrag zwischen vielen Reden, Grußworten und künstlerischen Darbietungen hielt Wilfrid Jaensch selbst, eine Johanni-Betrachtung mit einem „Durchlaufgedanken, der zu sich selbst zurückkehrt“ in gewohnt und erwartet perfekt-genialem Sprachstil mit weltenumspannendem Inhalt. Er ging aus von einer jahreszeitlichen Vertiefung in den Zustand der Erde zur Mittsommerzeit, führte weiter in das Verhältnis des Menschen der Neuzeit zu Erde und Kosmos bis in ferne planetarische Entwicklungen hinein – einen neuen „Menschenkreis“ bildend als Nachfolger des Tierkreises, „der Mensch in der Frage“ und nun selbst Schöpfer im zweiten Tohuwabohu, die Anthroposophie dabei als Anfang, der Anthroposoph als Anfänger eines neuen Kosmos’ – und kehrte dann zurück zum Kleinen im Großen, zum Innen wie Außen: zum Berliner Waldorflehrer-Seminar in seiner Struktur und Arbeitsweise, zu seinen Menschen, wo jetzt eine Lücke entsteht durch den Weggang des Vortragenden. Diese Lücke verglich Wilfrid Jaensch aber frohgemut mit einer kindlichen Zahnlücke, bei deren Betrachtung man nichts Erschreckendes findet, weil man schon weiß, dass dort ein neuer Zahn nachwachsen wird.
Diese über vierstündige würdig-fröhliche Feier sollte ein Abschiedsfest sein? Man wurde das Gefühl nicht los, dass es dieses gar nicht war, sondern eher ein besonderes Geburtstagsfest für eine neue Stufe des Lebens und Lassens, des Werdens und Reifens. Nicht nur, dass hie und da gesagt wurde, wo Wilfrid Jaensch ja doch noch überall weiterhin tätig sein wird, wenn auch zumeist außerhalb des Seminars: unterrichtend, betreuend, beratend (und nebenbei weiterhin die Welt immer ein bisschen aus den Angeln hebend) – es stand auch geschrieben auf dem schon erwähnten Plakat für den Abend und somit im Grunde von vornherein fest:
Mensch Jaensch – Ruhestand? Undenkbar!











