Bildung durch Töne? Zum musikalischen Angebot im Lehrerseminar
Musik ist eine flüchtige Kunst. Sie hat es mehr mit der Zeit als mit dem Raum zu tun. Man kann sie hören aber nicht sehen. Im Sehen verweilen wir mehr an den Oberflächen der Dinge. Im Hören dringen wir in die Dinge ein und das Seelenleben wird bis in seine Tiefenschichten berührt. Die Augen kann man schließen, die Ohren nicht. Das Ohr ist mehr mit dem ganzen Menschen verbunden.
Musik hören ist eine Sache, Musik machen eine andere. Viele Menschen können mit der Musik durchaus etwas anfangen, sind aber z.B. kaum in der Lage, beim Singen die richtigen Töne zu finden und zu halten. Man findet Musik schön, doch die selber hervorgebrachten Töne hören sich irgendwie schief an. Es kommt auch vor, dass jemand eine Melodie innerlich singen kann, aber wenn sie erklingen soll, verweigern einem die Stimmbänder den Gehorsam. Schwieriger ist es, wenn einem auch einem auch die „innere Stimme“, also die musikalischen Vorstellung fehlt. Was gibt es dann in hörbare Töne umzusetzen?
Nun spielt die Musik in der Waldorfschule eine große Rolle. Lehrer, die es hier nicht zu Ausbildung hinreichender Fähigkeiten bringen, sollten diesen Mangel irgendwie mit anderen Fähigkeiten ausgleichen. In jedem Fall fehlt ihnen etwas. In der Ausbildung kreisen mache Sorgen und Gespräche um Fragen dieser Art. Was also und vor allem wie kann man Musik lernen? Bei ernsthaftem Einsatz ist in der Regel erstaunlich viel möglich. Aber es wird nicht ohne Üben gehen. Die Seminarstunden reichen nicht aus. In der übenden Auseinandersetzung mit der Musik, bemerkt man jedoch bald deren Wirkung. Man beginnt mit dem Allereinfachsten: Ein beliebiger Ton wird gesungen, dann setzt man aus und findet den Ton wieder. Nach und nach werden die Pausen größer. Das wird fortgesetzt mit zwei, später mit mehreren Tönen. Auf diese Weise lernt man nach und nach, Intervalle zu hören, zu unterscheiden und letztlich auch zu benennen. Die Stimme wird sicherer und man kann die ersten Lieder singen. Eine große Hilfe kann die Flöte werden, weil hier die Töne vorgegeben sind und man sie nicht alle - wie beim Singen - selber finden muss.
Musik besteht aus Tönen. Was aber ist ein Ton? In der ersten Physikepoche setzen sich die Kinder mit der Akustik auseinander. Sie erfahren, dass jedes Ding seinen Ton hat. Am Ton erkennt man das Material. Eisen klingt anders als Holz oder Blei. Und sogar noch am Telefon kann ich einen Bekannten an seiner Stimme erkennen. Ton und Klang hat immer mit dem Eigenwesen zu tun.
Wenn ich nur einen Ton vorstelle oder singe, geschieht Erstaunliches: Der Ton hält sich in mir und ich halte den Ton. Er geht nicht verloren. Dabei wird er immer neu erzeugt. Jeder Ton bildet sich in ein Nichts hinein. Immer geht es um das Zusammenspiel von Werdendem und Gewordenen. Kreativität und Erinnerung wirken zusammen. Eine nächste elementare Stufe in der Auseinandersetzung mit Musik bilden die Intervalle. Wir hören zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander: je nach ihrem Abstand voneinander unterscheidet sich unser Erleben. Hier steht die Erfahrung im Mittelpunkt, dass das Musikalische eigentlich zwischen den Tönen lebt. Genau so, wie man „zwischen den Zeilen“ etwas lesen oder verstehen kann, nimmt man auch Musik war. Ihre Wirkung liegt im Zusammenklang. Man stößt auf die Erlebnisunterschiede von Dur und moll: Einmal wenden wir uns mehr der Außenwelt zu, das andere Mal sind wir mehr in uns selber. Takt und Rhythmus vermitteln uns in besonderer Weise etwas vom Wesen der Musik als Zeitkunst. Bei jedem noch so kleinen Liedchen wird Zeit gestaltet. Das alles sind Dinge, die zur tätigen inneren Erfahrung werden sollen. Wissen allein reicht hier nicht, genauso wie es nicht möglich ist, jemanden das Klavierspiel nur zu erklären.
Damit wären einige Andeutungen zum Übungsfeld des Musikalischen gesagt. Einerseits stehen Übungen an musikalischen Grundphänomenen im Mittelpunkt der Arbeit. Andererseits geht es schlicht um das Kennenlernen und Können vieler Lieder, die man auch mit den Schülern singen kann. Was aber ist für eine bestimmte Altersstufe geeignet? Hierfür gibt es Gesichtspunkte, die man sich erarbeiten kann.
Die Fragen reichen aber noch weiter: wie begleiten wir die Entwicklung der Kinder musikalisch in der richtigen Weise? Wie lange sollen sie einstimmig singen? Wann können sie Dur und moll nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern auch innerlich erleben? Ist das überhaupt vor der Pubertät möglich?
Es ist empfehlenswert und auch notwendig, wenn werdende Lehrer sich ein möglichst breites Spektrum an Liedern aneignen und auch über instrumentale Fähigkeiten verfügen. Gelegenheit dazu gibt es in der Ausbildung zu Genüge. Zweimal in der Woche findet Musikunterricht statt. Einmal mehr bezogen auf die Fähigkeiten, über die man als Klassen- oder auch Fachlehrer in einer Unter– und Mittelstufe verfügen sollte. Darüber hinaus wird eine Einführung in musikalische Grundphänomene gegeben und erste Schritte in die Musiktheorie werden getan. Dabei stehen immer wieder Hörübungen im Mittelpunkt. Was man nicht innerlich hört, kann man auch nicht aus sich heraussetzen. Das alles hat anregenden Charakter. Zur Ausbildung von Fähigkeiten reicht das Angebot nicht. Es geht also nicht ohne Üben, zumal, wenn man mit geringen Voraussetzungen beginnt. In der zweiten Musikstunde werden mehrstimmige kleinere und größere Chorwerke einstudiert. Die Fortgeschrittenen übernehmen hier das Einüben einzelner Stimmen und zunehmend Dirigieraufgaben.
Immer montags ist ein Flötenkurs eingerichtet, der Anfängern gute Möglichkeiten bietet, sich mit dem Flötenspiel in verschiedenen Klassenstufen vertraut zu machen.
Für diejenigen, die später selber Musikunterricht geben wollen, wird eine spezielle Musik – Didaktik angeboten, wo Unterrichtsinhalte und -methoden für verschiedene Klassenstufen eingehend behandelt werden.
Noch ein Gedanke am Ende: Auch, wenn im Unterricht an einer Waldorfschule viel gesungen und musiziert wird - das Ziel ist liegt nicht darin, möglichst viele Musiker hervorzubringen. Die Wirkung der Musik geht in andere Bereiche hinein. Man singt zusammen. Der Zusammenhang von Musik und der Entwicklung von sozialen Fähigkeiten ist unmittelbar erlebbar. Musik ist immer gestaltete Zeit. In jedem Lied muss immer auch etwas an sein Ende gebracht werden. Das erfordert Konzentration. Und das Wichtigste - Musik macht Freude, immer wachsen wir etwas über uns selbst hinaus. Und dass die Musik vor allem auch eine Auswirkung auf die geistigen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen hat, dafür gibt es neben konkreten Erfahrungen inzwischen auch Belege. Der Ton macht offenbar nicht nur Musik, sondern bildet den ganzen Menschen.










