Die Oberstufen-Methodik am Seminar für Waldorfpädagogik Berlin
In der Oberstufenmethodik soll das Rüstzeug erworben werden, Waldorfschülern zu allen üblichen Abschlüssen einschließlich des Abiturs zu verhelfen.
Wichtige Aufgaben liegen auf den folgenden Gebieten:
- ein vertieftes Verständnis für den Entwicklungsabschnitt vom Jugendlichen zum Erwachsenen zu gewinnen: Worin liegt der zukunftsweisende Sinn der allseitigen, leiblich-seelisch-geistigen Disproportionalität dieser Lebensphase mit ihrer für alle Beteiligten oft kaum aushaltbaren Widersprüchlichkeit zwischen provokativem Auftritt und empfindlicher Zurückgezogenheit, maßloser Kritiksucht an allem Vorhandenen und ausgreifender Sehnsucht nach orientierenden Idealen, intellektueller Brillanz und seelischer Unreife, Langeweile und Tatendrang?
- die angemessene pädagogische Grundhaltung dafür zu entwickeln: Wichtig ist dabei, Humor für allerlei Unausgegorenes zu zeigen, eine konsequente eigenen Leitlinie zu verfolgen und den eigenen Lebensentwurfs als Vergleichs- und Orientierungsangebot authentisch und wahrnehmbar für den Selbstfindungsprozess des Jugendlichen zu leben.
- den Unterrichtsstil methodisch neu zu greifen, so dass ein Forschungsklima entstehen kann: Das Schwergewicht sollte sich von der Vermittlung von Kenntnissen zur Befähigung von Erkenntnis verschieben. Dazu muss jeder Unterricht seinen Ausgang bei erfahrbaren Phänomenen nehmen, um von da an zu erlebnisgesicherten Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Den Jugendlichen soll die Bildung eigener Urteile ermöglicht werden. Im Gegensatz zum informierten „Erfrager“ von geläufigen Informationen wird der Lehrer selbst als Untersuchender frag-würdiger Thesen erlebbar. Deshalb muss der Lehrende eigenen Erkenntnisinteressen entdecken und entwickeln. Erst dann kann in ergiebigen Projekten an andere Erfahrung vermittelt werden.
- den Aufbau des Waldorflehrplans für die gesamte Oberstufe kennenzulernen, um nachvollziehen zu können, wie sich darin frühere Themen spiegeln und weitergeführt werden und wie sich ein fachübergreifendes Panorama bildet, das dem Schüler einen orientierenden Horizont für das Selbstverständnis und seinen Handlungsbeitrag zur Welt anbietet.
Dass in dieser Ausbildungsveranstaltung der akademisch gebildete Mathematiker neben der erfahrenen Webmeisterin, der Orchestermusiker neben dem Diplomsoziologen, die Germanistin neben dem Landschaftsgestalter, staatlich ausgebildete Schulpädagogen neben Berufserfahrenen in Forschung und Wirtschaft sitzen, kann unter solchen Gesichtspunkten nur als Bereicherung im Hinblick auf die gemeinsame künftige Aufgabe gesehen werden: den sich entwickelnden Erwachsenen auf der Grundlage der eigenen Professionalität mit vereinten Kräften in den Stand zu setzen, seinen ganz individuellen Lebens- und Berufsweg finden zu lernen.
Michael Handtmann











