Durch Erleben lernen - Projekt „Lernen“
Was bedeutet „Lernen“ in der Zeit nach PISA, in der Kinder-Universitäten, Früheinschulung, Schulzeitverkürzung und die Erhöhung der Mathematikunterrichtstunden auf Kosten von Fächern wie Musik und Kunst das Bild der Schule von heute prägen?
„Jeder kennt den Nürnberger Trichter: Man setzt ihn am Kopf an, so etwa in der Mitte, und gießt dann oben das hinein, was gelernt werden soll. Wie eine Flüssigkeit in eine schmalhalsige Flasche gehen die zu lernenden Inhalte dann nahtlos in den Kopf hinein. Ein äußerst praktisches Gerät!“ Dieses und andere Geräte (z.B. Kassetten für das Lernen im Schlaf, gedächtnissteigernde Musik, Schnell-Lese-Techniken) beruhen auf dem Gedanken, dass Lernen ein passiver Vorgang ist. Lernen besteht also darin, Inhalte von außen in unseren Kopf zu bringen. Erfolgreiches Lernen ist also ein Technikproblem (z.B. Lernsoftware, Multimediaprodukte)? „Wer Lernen für einen passiven Vorgang hält, der sucht nach dem richtigen Trichter. Wer aber Lernen als eine Aktivität versteht, wie beispielsweise das Laufen oder das Essen, der sucht keinen Trichter, sondern denkt über Rahmenbedingungen nach, unter denen diese Aktivität am besten stattfinden kann.“
Die Waldorfpädagogik hat seit den fast 80 Jahren ihres Bestehens (übrigens als erfolgreichstes reformpädagogisches Modell mit insgesamt über 900 Schulen weltweit) einige ungewöhnliche Gedanken zum Thema „Wie Kinder lernen“, von denen viele heute in der Neurobiologie ihre naturwissenschaftliche Bestätigung finden. So z.B. die Erkenntnisse zur Ausreifung des kindlichen Gehirns: Es ist nicht genetisch determiniert, sondern wird von Geburt an durch die Eindrücke, denen es ausgesetzt wird, erst nutzbar gemacht. Entscheidend für die Grundvernetzung der Neuronen sind die ersten drei Lebensjahre. Ebenso der Zusammenhang zwischen Bewegung und Denken: Die neuronale Grundvernetzung im Kleinhirn ist abhängig von der Bewegung des Kindes im dreidimensionalen Raum. Später bildet dieses Netz die physische Grundlage für „vernetztes Denken“. Je vielfältiger sich das Kind also bewegt (Rennen, Springen, Klettern, Fallen, Schwimmen – aber auch das Lernen eines Musikinstrumentes, Stricken usw.), desto dichter bildet sich das neuronale Netz und das wiederum hat eine direkte Auswirkung auf den (späteren) Grad der Komplexität des Denkens.
Die Fähigkeit zur Sinneswahrnehmung ist ebenfalls nicht von Anfang an vorhanden, sondern muss vom Kind erst gelernt werden: Die Gehirnzellen, die die physische Grundlage für bestimmte Wahrnehmungen sind, werden jedoch nur ausgebildet, wenn eine entsprechende Anregung erfolgt. Dazu kommt, dass viele Lernvorgänge an sogenannte „Lernfenster“ gebunden sind. Das sind Zeitabschnitte in der Entwicklung des Kindes, in denen ganz bestimmte Reifeprozesse im kindlichen Gehirn stattfinden. Fehlen entsprechende Anregungen in diesem Zeitabschnitt, können die damit zusammenhängenden Fähigkeiten nicht gebildet werden (z.B. das Wahrnehmen von leisen und differenzierten Geräuschen). Diese Erkenntnis geht konform mit dem Gedanken der Waldorfpädagogik, dass es nicht gleichgültig ist, zu welcher Zeit Kinder bestimmte Fähigkeiten und Inhalte lernen.
- Einführung in die Biologie des Lernens
- Entwicklung des kindlichen Gehirns
- Lernen Kinder im Schlaf?
- Drogen, Fernsehen und Computerspiele – ihre Wirkung auf die Gehirnentwicklung
- Musik und Eurythmie – ihre Auswirkungen auf die Lernfähigkeit
- Präsentationsmethoden
- Was ist Leistung? Wie bewertet man sie?
Der Kurs wird zum größten Teil als Projekt durchgeführt, wobei die Kursteilnehmer/innen in Kleingruppen anhand von ausgewählter Literatur ein Thema in Form einer Präsentation erarbeiten. Außerdem werden die Präsentationen von allen nach vorher erarbeiteten Gesichtspunkten bewertet.
Iris Didwiszus
Aus: M. Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. 2002, S. 1.Ebenda. S. 2.
J. Giedd: Inside the teenage brain. Interview, 2002.










