Vom Lernen der Lehrer – Vergangenheit und Zukunft
Wenn man sich mit der Frage auseinandersetzt, ob der Lehrerberuf an einer Waldorfschule der richtige Weg für einen selbst ist, dann tauchen Fragen nach der eigenen Befähigung auf. Was also sollte man mitbringen? Lehrer und Erzieher sollten Menschen sein, die in der Lage sind, die vielfältigsten Beziehungen einzugehen. Jemand, der sich am wohlsten in der eigenen Stube fühlt, ist dazu nicht unbedingt geeignet. Dann geht es um die damit zusammenhängende Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen, in diesem Falle Kinder, hineinzuversetzen. Und nicht nur das: eine innere Beziehung muss ich auch zu den Lerninhalten aufnehmen. Wie geht das bei einem Bergkristall, der Sahara oder einer Rechenaufgabe?
Das ist leichter gesagt als getan. Aber ein gelungener Unterricht beruht immer auch auf einer moralischen Beziehung der Lehrer zur Welt, um deren Vermittlung es ja schließlich geht.
Ist man in der Lage, ein angelerntes Erwachsenendenken einmal gründlich an den Nagel zu hängen?
Wenn man Kinder erziehen will, die auch quer denken können, dann wird man selber zum Querdenker werden müssen. Kurz - denke ich mehr aus der Vergangenheit, bin ich Traditionen, Normen und Konventionen zu stark verhaftet, dann wird einem diese innere Umstellung schwer fallen. Kinder und vor allem auch Jugendliche sind zukunftsorientiert. Zukunft bedeutet äußere und auch innere Unsicherheit. Von Lehrern ist hier vor allem eine besondere Art von Phantasie gefordert, die an keiner Stelle irgendwie abhebt und sich nur selber ausleben will. Es geht nach wie vor und mehr denn je um die Gestaltung der Zukunft im kleinsten eigenen Bereich und in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Lehrer brauchen eine soziale Phantasie, die auf die Umwandlung bestehender Verhältnisse gerichtet ist.
Noch etwas ist von Bedeutung: Immer wieder kann man besonders bei kleineren Kindern die Erfahrung machen, dass sie kein Verständnis dafür haben, wenn ihre Lehrer einmal „nicht so gut drauf“ sind. Sie haben die meist unausgesprochene Erwartung an ihre Lehrer, dass sie mit ihren eigenen Problemen produktiv umgehen können. Die Pädagogik ist nicht der Ort, an dem sich Erwachsene auf Kosten der Kinder therapieren.
Gerade dann, wenn man kein Lehrerstudium durchlaufen hat, also nicht „vom Fach“ ist, merkt man sehr schnell, was man alles noch nicht kann. Das zeigt sich insbesondere in künstlerischen Bereichen. Hier ist die Bereitschaft zum übenden Umgang gefragt. Dann wird man sich ganz schlicht auch eine Reihe von neuen Wissensgebieten zu erarbeiten haben. Interesse an allem, vor allem auch an Bereichen, die vielleicht für einen selbst ganz neu sind, wird vorausgesetzt.
Das gilt insbesondere auch für die anthroposophisch–menschenkundlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik. Es nicht aus, dass man human eingestellt ist, sich gesund ernährt und wenig fernsieht. Es wäre gut, sich in Vorbereitung schon einmal genauer über einige Ansätze und Besonderheiten der Waldorfpädagogik zu informieren. Zu empfehlen ist immer auch eine Beschäftigung mit den Argumenten und Erfahrungen der Kritiker. In jedem Fall sollten grundsätzliche Fragen vor Beginn einer Ausbildung geklärt sein. Immerhin - in der Auseinandersetzung mit der Anthroposophie tauchen einige Ideen und Begriffe auf, die so „ganz anders“ klingen, als man es vielleicht bisher gewohnt war. Und oft stellt sich die Frage, ob man das alles glauben muss, wenn man an einer Waldorfschule arbeiten möchte. Soviel sei hier gesagt - man wird einer Vorstellung vom Menschen begegnen, die nicht davon ausgeht, dass er in seinem Wesenskern eine Mischung aus genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen ist. Wer so denkt, dem sei empfohlen, einmal in die Wiege eines Neugeborenen zu schauen. Vielleicht wird man angelächelt und man fragt sich, wer da eigentlich aus den Augen herausschaut. Was sich hier vollzieht, wird man vom gewöhnlichen Verstand her kaum erfassen können.










